KRYPTA 1

Der Geist des „Sturm und Drang“

 

Wer die Treppen hinuntersteigt ins unterirdische Gewölbe und am Totenwagen vorbei weiter in die Krypta von St. Michaelis hineingeht, der findet auf seiner rechten Seite eine mit geschwungenen Lettern beschriftete Grabplatte. Unter ihr war 1788 Hamburgs „Director musices“ Carl Philipp Emanuel Bach an eben diesem Ort beigesetzt worden. Zu seinen Lebzeiten war Bach eine europäische Größe; im Jahr seines Todes dirigiert Wolfgang Amadeus Mozart höchstselbst in Wien eine Aufführung seines Oratoriums „Auferstehung und Himmelfahrt Jesu“.

Ein Mann voll „Muth und Drang“ und mit einer „etwas listigen Unterlippe“ sei der Komponist gewesen, so berichtet der Physiognom Johann Caspar Lavater, in dessen Fragmenten „zur Beförderung der Menschenkenntnis und Menschenliebe“ auch Bachs Silhouette abgedruckt ist.

Ein anderes Bild zeigt den etwas korpulenten Musikus im Gespräch mit dem Pastor von St. Petri und Kirchenlied-dichter Christoph Christian Sturm. Gesellig und der Konversation zugeneigt, wie sein ganzes Zeitalter, scheint dieser Hamburger Bach gewesen zu sein. Gelehrte und Literaten waren sein bevorzugter Umgang. Diese Vitalität, seine geistige Wachheit und Wendigkeit, spricht unzweifelhaft auch aus der Musik dieses Mannes. Wer als Musiker andere bewegen wolle, müsse selbst bewegt sein, das war Bachs Credo. Diese Bewegtheit, die Dynamik des menschlichen Gefühls, war sein oberstes Anliegen. So weht dank Carl Philipp Emanuel Bach heute etwas vom Geist des „Sturm und Drang“ durch die hanseatische Honoratioren-Gruft.

Der Dichter Ezra Pound war der Meinung, Géza Frid sei ein „verdammt guter Komponist“. Doch solch prominenter Gewährsleute zum Trotz ist Frids Musik allenfalls Kennern heute noch ein Begriff. Wenn die Hamburger Camerata Werke von Géza Frid spielt, bleibt sie also ihrer Linie treu, Repertoireraritäten aufs Programm zu setzen.

Der 1904 im ungarischen Máramarossziget geborene Frid war ein Wunderkind, wie es im Buche steht: Mit sechs Jahren hatte er seinen ersten Auftritt als Pianist, mit acht studierte er an der Liszt-Akademie in Budapest bei Größen wie Bartók und Kodály. 1924 machte er sein Diplom und verbrachte dann einige Jahre in Frankreich und Italien; 1929 ließ Frid sich schließlich in den Niederlanden nieder. Von hier aus wirkte er weltweit als Konzertpianist und Komponist. Für den Berufsvirtuosen Frid standen vor allem Konzerte, Rhapsodien und klassische Kammermusikgattungen wie das Streichquartett sowie Kammermusik mit Klavier im Zentrum seines kompositorischen Interesses.

Stilistisch blieb er lange ein Klassizist – mit folkloristischem Einschlag. Bisweilen erwies er seiner alten Heimat und seiner neuen Wahlheimat mit Elementen und Melodien aus der ungarischen und niederländischen Volksmusik seiner Referenz. Frid habe aber auch „keine Bedenken in seinen Werken Idiome zu vermengen“, konstatierte 1971 ein Kritiker des „Glasgow Herald“, so stehe ein Satz seiner Sinfonietta von 1963 in C-Dur, während der Komponist im anderen Satz gar einen Flirt mit der Atonalität wage.

Die Hamburger Camerata in der Krypta von St. Michaelis

Mi. 21. September 2016, 20 Uhr

Krypta 1

Hamburg - Budapest

Ulrike Höfs (Flöte), Hanna Rabe (Harfe), Jakob Stepp (Violoncello), Gustav Frielinghaus (Violine & Leitung)

 

17/18

Carl Philipp Emanuel Bach (1714-1788)

„Hamburger Sinfonie“ A-Dur, Wq 182/4

 

Géza Frid (1904-1989)

Nocturnes für Flöte, Harfe und Streichorchester

op. 24 (komp. 1946)

Carl Philipp Emanuel Bach

Flötenkonzert d-Moll, Wq 22

 

Géza Frid (1904-1989)

Symfonietta für Streicher op. 66 (komp. 1963)

Carl Philipp Emanuel Bach

Cellokonzert a-Moll, Wq 170

Solisten

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